Als ich mich intensiv mit den Konzepten von David Schnarch beschäftigt habe, hat mich vor allem ein Gedanke angesprochen: Eine gute Beziehung entsteht nicht dadurch, dass zwei Menschen möglichst gleich werden, sondern sie selbst werden. Viele Ansätze in der Paartherapie legen den Schwerpunkt auf Verständnis, Fürsorge und Nähe. Das halte ich für wichtig. David Schnarch richtet den Blick auf etwas, das in vielen Beziehungen zu kurz kommt: die Fähigkeit, mit sich selbst verbunden zu bleiben, auch wenn der Partner anders denkt, fühlt oder handelt.
Ich arbeite gerne mit den Konzepten von David Schnarch, auch wenn ich sie nicht als alleinige Lösung für alle Beziehungsprobleme betrachte. Manche Paare brauchen mehr Differenzierung. Andere brauchen mehr emotionale Verbundenheit. Deshalb kombiniere ich die Arbeit nach David Schnarch mit Emotionsfokussierter Paartherapie (EFT), systemischen Ansätzen, verhaltenstherapeutischen Methoden und sexualtherapeutischen Konzepten.
Differenzierung bedeutet für mich die Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen. Ich kann verstehen, dass mein Partner traurig, wütend oder enttäuscht ist. Gleichzeitig darf ich eigene Gefühle haben. Ich muss nicht dieselbe Meinung vertreten. Ich muss mich nicht sofort anpassen. Und ich muss die Gefühle des anderen nicht als Bedrohung erleben. Differenzierung bedeutet nicht Distanz. Differenzierung bedeutet, verbunden zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren.
Wenn ich mich zu stark mit den Gefühlen meines Partners identifiziere, entsteht schnell der Eindruck, ich müsse diese Gefühle verändern oder kontrollieren. Genau hier setzt Differenzierung an. Sie ermöglicht es, den anderen ernst zu nehmen, ohne die Verantwortung für dessen innere Welt zu übernehmen.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor in einer zufriedenen Beziehung ist die Fähigkeit zur Selbstregulation. Viele Menschen versuchen unbewusst, die Gefühle ihres Partners zu regulieren. Sie möchten den anderen beruhigen, verändern oder davon überzeugen, anders zu fühlen. Das funktioniert meist nur kurzfristig. Nach meiner Erfahrung entsteht echte Stabilität erst dann, wenn Menschen lernen, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren. Wer sich selbst beruhigen kann, muss den Partner nicht mehr kontrollieren. Dadurch entstehen mehr Freiheit, mehr Respekt und oft auch mehr Gelassenheit in der Beziehung.
David Schnarch hat seine Konzepte ursprünglich stark aus der Sexualtherapie heraus entwickelt. Dieser Zusammenhang spielt auch in meiner Arbeit eine wichtige Rolle.
Sexualität lebt nicht nur von Nähe, sondern auch von Eigenständigkeit. Wer ständig damit beschäftigt ist, was der andere denkt, fühlt oder erwartet, verliert häufig den Kontakt zur eigenen Lust. Eine erfüllte Sexualität entsteht aus meiner Sicht dann, wenn Menschen mit ihren eigenen Wünschen, Sehnsüchten und Fantasien verbunden bleiben und diese in die Beziehung einbringen können. Gerade deshalb sind Differenzierung und Sexualität eng miteinander verbunden.
Wenn Paare lernen, sich stärker zu differenzieren, beobachte ich häufig ähnliche Entwicklungen:
mehr Selbstbewusstsein
mehr Authentizität
weniger emotionale Abhängigkeit
weniger Kontrollversuche
mehr Respekt für Unterschiede
größere emotionale Stabilität
eine tiefere Form von Nähe
Die Beziehung wird dadurch nicht kälter oder distanzierter. Im Gegenteil. Viele Paare erleben zum ersten Mal eine Verbindung, die nicht auf Anpassung, sondern auf Echtheit basiert.
Liebe bedeutet nicht, um jeden Preis geliebt zu werden. Liebe bedeutet für mich vielmehr, mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin.
Mit meinen Stärken und Schwächen. Mit meinen Bedürfnissen. Mit meinen Unsicherheiten. Mit meinen Ecken und Kanten.
Dafür braucht es Mut. Denn niemand kann garantieren, dass der andere alles daran mögen wird. Doch genau in diesem authentischen Zeigen entsteht echte Begegnung. Und damit auch die Möglichkeit einer tiefen Liebe.
Für mich geht es nicht darum, einer Methode zu folgen. Entscheidend ist, gemeinsam herauszufinden, was ein Paar in seiner aktuellen Situation wirklich braucht.
Manchmal ist das mehr Nähe.
Manchmal mehr Eigenständigkeit.
Und häufig die Fähigkeit, beides miteinander zu verbinden.